Mittwoch, 14. März 2001
Malekin ist schon fast zwei Wochen fort. Ich weiß nicht, was er in Kanada zu tun hat - bin mir nicht sicher, ob er selbst es weiß - aber es sieht aus, als könnte das noch etwas länger dauern.
Ich vermisse ihn. Schmerzlich. Manchmal kaum zu ertragen. Obwohl ich weiß, daß es ihm gutgeht. Daß er nicht in Gefahr ist. Daß er zurückkommt. Nur deswegen kann ich ruhig bleiben. Das Warten ist viel weniger verzweifelt als damals... Aber es fühlt sich sehr ähnlich an. Süße Erinnerungen....

Es ist seltsam, allein in München zu sein. Natürlich, da sind all die anderen Vampire. Nächste Woche ist ein Elysium, sogar mit internationalen Gästen. Christopher hat uns eingeladen, und ich habe zugesagt. Ohne mich besonders vor dem zu fürchten, was an diesem Abend passieren könnte. Ich habe kein Problem, ohne Malekin dorthin zu gehen, auch wenn ich den wenigsten der Münchner Vampiren vertraue. Und am wenigsten mir selbst. Und doch... ich weiß, daß ich es kann. Ich kann mich selbst kontrollieren. Ich werde Malekin keine Schande machen. Weder ihn noch mich blamieren. Jeden Test bestehen. Wenn ich an seinen Blick denke am Abend des Tribunals, an den Unterton in seiner Stimme - Du hast was getan? - an das Schweigen zwischen ihm und dem Abt in St. Vitus, dann weiß ich, daß ich alles kann, alles können muß, um so etwas nicht noch einmal auszulösen.

Seit Malekin fort ist, bin ich mir sicher, daß Vampire träumen. Ich zumindest. Und das nicht nur im Schlaf. Regel Nr. 6. Ich sehe ihn oft, wenn ich tags die Augen schließe. Als könnte ich beobachten, was er gerade tut. In einem Sektionssaal, zusammen mit anderen Vampiren in einem Lokal, auf nächtlichen kahlen Hügeln, am Fluß, der das Mondlicht einfängt und tausendfach zerbricht....
Und ein Traum kehrt immer wieder. Einer dieser Träume, aus denen man aufwacht und nach Luft schnappt, als hätte man im Schlaf vergessen zu atmen. Was eine sehr menschliche Sichtweise der Dinge ist. Oder sehr typisch für mich. Doch im Schlaf kann ich nicht gegen den erstickenden Durst nach Sauerstoff an. Ich sitze aufrecht in der Badewanne und ringe nach Atem, gefangen in diesem Traum...
Ein dunkles Gebäude, alt, etwas heruntergekommen. Es kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht erinnern, wo ich es schon

einmal gesehen habe. Die Fenster sind vergittert, dicke Mauern, die selbst die größte Sommerhitze abhalten müssen. Die Wände unverputzt, voller undichter Stellen - oder sind das keine Wasserflecken? Trotz der Stille scheint das Gebäude erfüllt von leidvollen Erinnerungen. Es ist niemand hier außer Malekin und mir. Ich drehe mich zu ihm um, will ihn fragen, wo wir sind, und warum es mir so bekannt vorkommt, und warum ich so ein ungutes Gefühl habe, und erstarre, als ich den Schrecken in seinen Augen sehe. Eine Tür ist plötzlich zwischen uns, und sie fällt ins Schloß, bevor ich bei ihm sein kann. Durch das vergitterte Fenster in der Tür kann ich sehen, wie die Mauern zum Leben erwachen, wie sich Konturen abzeichnen, Gestalten sich aus den Wänden schälen, auf ihn zukommen, ihn einkreisen -
Das ist der Moment, wo ich aufwache und nicht schreien kann, weil ich keine Luft bekomme. Ich wünschte, ich wüßte, was dieser Traum zu bedeuten hat. Ich wünschte, Malekin wäre hier, um mit mir darüber zu sprechen.
Doch er ist nicht hier, und ich weiß, daß es ihm gut geht, also macht es keinen Sinn, Träumen nachzuhängen.
Ich sollte ausgehen und etwas über die Welt lernen. Oder das Buch Nod studieren. Doch ich bin abgelenkt. Starre in die Flamme der Kerze, die neben meinem Computer brennt. Es ist wichtig, in der Öffentlichkeit keine Angst vor Feuer zu zeigen, hat Malekin gesagt. Also nutze ich die Zeit seiner Abwesenheit zum Üben. Vielleicht freut er sich, wenn er wiederkommt. Malekin...
Ich verliere mich im Flackern der Flamme, tanze mit den Schatten um sie herum, lasse ihre Hitze die Wellen der Angst, die sie verursacht, verdampfen, tanze mit dem Feuer...
Es war einmal.
Wer hat das gesagt? Woher kam diese Stimme? Es war nicht mehr als ein Flüstern, aber so deutlich, als stände jemand direkt hinter mir. Und sie klang so... vertraut? Das ist nicht der richtige Ausdruck. So wenig fremd? Ich kannte die Stimme nicht, aber der Tonfall, in dem sie sprach, war mir vertraut. Was hat das zu bedeuten? Wer möchte mir eine Geschichte erzählen? Wo soll ich den Erzähler suchen?
Ist das ein Spiel? Curiosity killed Katinka...
Ich wünschte, ich könnte Malekin fragen. Doch das muß ich wohl alleine herausfinden.

Aufnahme

Entlassung